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Prof. Dr. Gert Ueding

Europa als Idee - Die rhetorische Identität hinter dem "gemeinsamen Markt"

Das Reden über Europa ist in unserer Gegenwart eindeutig wirtschaftlich bestimmt: Es scheint, als hätten wir die marxistische Überzeugung von dem Prius und Primat der ökonomischen Verhältnisse längst akzeptiert. Beschränkt sich wirklich, wie Edgar Morin schreibt, das europäische Bewusstsein "auf einen wirtschaftlichen Kern"? Doch auch wenn der Inhalt der 'Europa'-Diskussion die Ökonomie Europas ist, so bleiben doch die Diskussion, die Debatte, die Rede selber als eigene und wirkungskräftige Topoi erhalten.

Dieser Topos 'Europa' tritt uns auch heute noch in der Gestalt entgegen, die seinen historischen Anfang bildhaft markiert: in Gestalt einer parteilichen, zweckgerichteten Erzählung. Von allen Sagen des klassischen Altertums ist wohl keine andere stärker in unserem öffentlichen Bewusstsein gegenwärtig und wirksam als der Raub der phönizischen Königstochter Europa durch den Gott Zeus.

Doch wie aufschlussreich sind diese und andere Sagen für die Gründung und Entwicklung Europas in den Köpfen und Kulturen der Völker der europäischen Halbinsel? Jeder Mythos ist eine Kulturleistung und spielt in der Gesellschaft, die ihn hervorbrachte oder sich aneignete, eine erkenntnisorientierende, erkenntnisleitende Rolle, gerade weil er auf einen überhistorischen, transzendenten Bereich bezogen bleibt und von ihm seine Überzeugungskraft bezieht. Womit wir bereits rhetorisches Gebiet betreten. Denn in einem sind sich alle Historiker und Theoretiker einig: Der Mensch als "zoon logon echon", als "das Wesen, das Sprache hat" (Aristoteles), bedarf der rednerischen Verständigung, um lebensdienlich handeln, ja um überhaupt überleben zu können. Menschliche Rede ist also ein immer schon vorgängiger Orientierungs- und Erfahrungsrahmen, der von der Gemeinschaft der Redenden produziert wird. Derart konnte die Geschichte vom Raub der phönizischen Königstochter (und was mit ihr zusammenhängt) für das europäische Bewusstsein von inspirierender, gestaltbildender, die Wissenschaften und Künste, Moral und Recht, Politik und Gesellschaft regulierender Kraft werden.

Es wird sich niemals ganz entschlüsseln lassen, ob überhaupt eine historische Tatsache und welche dann hinter dieser Liebesgeschichte Zeus' wohl stehen mag - oder ob sie nicht vielmehr ersonnen wurde, um den Mangel einer Ursprungsgeschichte zu kompensieren. In jedem Falle aber diente der Mythos der Selbstvergewisserung eines europäischen Bewusstseins avant la lettre, bevor es also begriffliche und historische Gestalt angenommen hat, - und es ist eine Erzählung, ein rhetorisches Geschehen, ein Kulturprodukt, das diese Aufgabe so früh (und auch späterhin immer wieder) wahrgenommen hat, keine Handelsstruktur, kein politisches Vertragswerk. Gewiss muss den mythologischen Bebilderungen eine Realität entsprochen haben, doch nicht sie, sondern die Bilder haben Europa geschaffen - ich meine jenes Europa, das sich über die geographischen Gegebenheiten des Kontinents hinaus als eine europäische Gemeinschaft definiert.

Es lohnt sich, unter diesem Gesichtspunkt die Genealogie des 'Europa'-Gedankens zu vergegenwärtigen, denn er besteht aus nichts anderem als dem durch Überredung oder Überzeugung hergestellten Einverständnis zu der Identität Europas, wie sie sich im Bewusstsein der Europäer entwickelt hat, und die geographischen Verhältnisse spielen dabei eine nur untergeordnete Rolle.

Die frühesten Zeugnisse aus homerischer Zeit beziehen den Namen 'Europa' auf die Gebiete im Nordosten des heutigen Griechenland, und sie pointieren zunächst eine Grenze, nämlich den Bosporus, den man auch heute noch "als die eindeutigste Grenzscheide zwischen Europa und Asien" (Manfred Fuhrmann) ansieht. In diesem Punkt sprechen die Zeugnisse also eine ziemlich einheitliche Sprache: Europa definiert sich in dialektisch-parteilicher Rede aus dem Gegensatz und in Konkurrenz zu Asien. Dabei scheint sich der Gegensatz "Europa - Asien" gerade an der geographischen und, zumindest was die Ursprungsgeschichte betrifft, auch an der kulturellen Nähe besonders zu schärfen. Sie provozierte gewaltige Energien und ein Selbstbewusstsein, das die eigene schmale Wohnstätte am europäischen Rande zum Kern und Zentrum der Welt, zum eigentlichen orbis terrarum sich auswachsen ließ.

Um das Eigene von dem umliegend Fremden zu unterscheiden, benutzten die Griechen die topische Differenz "Hellene - Barbar", womit zunächst eine Abgrenzung gegen die wilden Völker der Nachbarschaft, nicht gegen die hochentwickelten Orientalen beabsichtigt war. Unter dem Eindruck der persischen Kriege verschmolz dieser Gegensatz mit der geographischen Antithese "Europa - Asien" und wurde durch soziologische, wirtschaftliche und politische Unterscheidungen vertieft. Der asiatische Despotismus und die griechische Polis, die Sklavenseele der Orientalen und das Freiheitsstreben der Hellenen, Luxus, Reichtum und Verschwendung jenseits des Bosporus und gemäßigte Lebensart, humane Bildung, hochentwickelte Sprachkultur auf europäisch-griechischem Boden: das wurden geläufige Argumentationsmuster und rednerische Gemeinplätze. Die Idee 'Europa' entwickelt sich seitdem wesentlich in Opposition zu dem paradoxen "asiatischen Ideal" der Grausamkeit und Entsagung, des Chaos und der Tyrannei, der unendlichen Leidensfähigkeit und der Gleichgültigkeit. Der 'Europa'-Gedanke entsteht im Gegensatz zu allem, was nicht-europäisch ist, und entwickelt besonders in Krisenzeiten sein Profil weiter, weil der Mensch Identität nur mittels Abgrenzung erreichen kann und sie von Eigenschaften und Interessen, Zielen und Vorstellungen ableitet, die exklusiv sind, Unterscheidbarkeit erst möglich machen. Daher auch sind symbolische Strategien, Bilder und Zeichen so wichtig, denn sie repräsentieren sinnfällig die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit, bestätigen sie und erzeugen das Gefühl von Gemeinsamkeit, das zur Identitätsfindung ebenso nötig ist wie die Grenz-Ziehung zum anderen, Nicht-Identischen.

Bildung und Kultur, so können wir festhalten, sind unauflöslich mit dem 'Europa'-Gedanken verknüpft, und es ist die Gemeinsamkeit von sapientia et eloquentia, Weisheit und Redekunst, die sie prägen. Der Lehrplan Europas ist griechischen Ursprungs, er ist einerseits einem ganzheitlichen Ideal universalen Wissens mit kulturtechnischen, musischen und natur- wie gesellschaftswissenschaftlichen Inhalten verpflichtet und verbindet sie andererseits mit den praktischen Erfordernissen der Polis, mit einer politiké téchné. Die hinter diesem Lehrplan stehenden Bildungsmächte sind die Philosophie für die "polymathía", das universale Wissen, und die Rhetorik für seine praktische Vermittlung und für die politische Kunst.

Ökonomische und politische Handlungen können für sich genommen keine geistigen Veränderungen, Veränderungen der Gesinnung und der Einstellung, des Bewusstseins also, bewirken, ja sie sind selber höchst gefährdet, wenn sie nicht auf einem kulturellen Konsens beruhen - oder besser: sich in Allianz mit ihm bewegen.

Es leidet also keinen Zweifel: das europäische Bewusstsein ist das Bewusstsein einer kulturellen Identität. Diesen rhetorisch begründeten und immer wieder reaktivierten 'Europa'-Gedanken gilt es zu sichern - gegen seine inneren Gefährdungen, also zum Beispiel gegen seine Reduktion auf die rein technisch-instrumentelle Vernunft der Naturwissenschaften, aber auch gegen seine äußeren Feinde, gegen die Wiederkehr eines fundamentalistischen Mittelalters oder orientalischer Despotismen. Europäisches Selbst- und Grenzbewusstsein ist in allen diesen Fällen wahrhaftig keine Anmaßung, sondern eine Verpflichtung.

 

Prof. Dr. Gert Ueding ist Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen.

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