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Prof. Dr. Klaus Prange

Wozu Geisteswissenschaften? Oder: die Funktion der Reflexion

Es hilft nichts: wer sich darauf einlässt, ein gutes Wort für die Geistes- und Kulturwissenschaften einzulegen, gerät in die Lage eines Anwalts, der einen schwierigen, wenn nicht hoffnungslosen Fall übernimmt. Noch das günstigste, was zu erhoffen ist, dürfte darin bestehen, den Vollzug des längst gesprochenen Urteils noch einmal zu vertagen und den Geisteswissenschaften ein Dasein im Schatten der unmittelbar lebensnützlichen und marktgerechten Disziplinen zu gewähren. Tatsächlich befinden sich die Fächer, die einmal den Kern der Philosophischen Fakultät ausmachten, im Wettstreit um öffentliche Anerkennung und Alimentierung auf der Verliererstraße, ihre Drittmittelbeschaffungskapazität ist lächerlich gegenüber den Summen, die die produktorientierte Großforschung einzuwerben vermag, und was sie bekommen, stammt im übrigen aus denselben Steuertöpfen, aus denen auch sonst Gehälter und Institute bezahlt werden.

Kein Wunder also, wenn das, was die Geisteswissenschaften zu ihrer Unverzichtbarkeit vortragen, weithin defensiv klingt. Es wird weder durch das beherzte Engagement noch durch das Klagelied derer ausgeglichen, die nach einer programmatischen Selbstbeschreibung Schopenhauers ihr Leben damit verbringen, über dasselbe nachzudenken. Sein Beispiel ist lehrreich: Als Erbe eines stattlichen Vermögens konnte er es sich leisten, nichts zu leisten; wenigstens nichts in der Weise, dass er für seine Arbeit und Ergebnisse auf ihren Tauschwert angewiesen gewesen wäre. Das machte es ihm leicht, die Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren zu denunzieren; eine Denunziation, die ihre relative Wahrheit in dem zirkulär-reflexiven Charakter der philosophischen wie überhaupt der geisteswissenschaftlichen Kommunikation hatte und hat. Sie erbringt keine Leistungen für den Standort Deutschland, sie trägt nicht bei zur Erschließung und Ausbeutung neuer Ressourcen, sie mildert nicht die Leiden der Kranken und schafft keine Arbeitsplätze, außer für sich selbst und finanziert von anderen. Künstliche Düngung und Penicillin, Atomkraft und extrakorporale Befruchtung: das haben andere entdeckt und erfunden, und es sind diese Wissenschaften, die uns weitere weltbrauchbare Kenntnisse versprechen, so dass es sinnvoll ist, in sie zu investieren. Anders die Geisteswissenschaften: Sie werden subventioniert, sie brauchen Mäzene und Sponsoren, und zwar nicht erst heute, sondern seit je und in dem Maße, wie sie von gesellschaftlichen und politisch motivierten Diensten freigestellt sind.

Wem bringt das etwas? Außer denen natürlich, die sich darauf verlegen, das Erkennen zu erkennen und zu verstehen, wie früher gedacht und geurteilt, gehandelt und gelitten worden ist, wie die Menschen ihr Leben verstanden, wie sie gemalt und gesungen, wie sie sich in ihren Gebärden und Haltungen, in ihren Sitten und Rechten dargestellt und einen Reim auf ihr Dasein gemacht haben: kurz, die wie Schopenhauer ihr Leben damit hinbringen, den Bedeutungen nachzuspüren, die andere ihrem Leben gegeben haben? Ist es nicht an der Zeit, dass wir darauf verzichten und die Professuren für Indologie und Archäologie, für die Philologien und historischen Fächer, schließlich auch für soziologische und pädagogische Theorie den Bio-, Info- und Neurodisziplinen zuschlagen? Man sage nicht, keiner wolle das; es ist schon auf dem Wege und geschieht. Der Weg in die öffentliche Irrelevanz der Geisteswissenschaften ist mit Kürzungen und Streichungen, Umwidmungen und verfehlten Zumutungen gepflastert. Da genügt es nicht, auf die beachtliche Tradition geisteswissenschaftlicher Forschung zu verweisen und sich der Meinung anzuschließen, ein bisschen Kunst am Bau und Bildungsschmuck als festlich-redundantes Rahmenprogramm für die eigentlichen hard sciences sei doch ganz schön. Das ist kein Grund, der die Sache der Geisteswissenschaften begründet, ebenso wenig wie der Hinweis auf die moralischen Implikationen neuer Technologien, die zur Besinnung auf Normen und Werte nötigen, die in den Geisteswissenschaften, den moral sciences, erörtert würden. Auch das reicht nicht oder nur zum Teil; zur Not leisten diesen Moraldienst auch das Wort zum Sonntag und die interessenparitätisch besetzten Ethikkommissionen.

Denn es ist überhaupt nicht "Leistung", was die Geisteswissenschaften erbringen, weder Systembetreuung für die redenden Berufe noch ideologische Absicherung wissenschaftsinduzierter Folgeprobleme; es ist etwas ganz anderes, was sie und nur sie ermöglichen und was anders nicht zu haben ist. Man kann es Orientierung oder Ortsbestimmung in der Zeit nennen; aber gerade nicht spezifisch und nur für bestimmte Aufgaben und Bereiche, sondern unbestimmt und eben dadurch für alle, die nach sich selber fragen und sich einen Reim auf das machen, was wir hier eigentlich wollen, als Einzelne und in Gemeinschaft. Die Funktion der Geisteswissenschaften ist Reflexion und gehört zur Reflexionskultur der Moderne; ein Wissen eigener Art, nicht freischwebend und ohne Kenntnisnahme des Leistungswissens, aber davon unterschieden, weil auf sich bezogen und darauf, wie wir uns verstehen und verstehen wollen. Es geht, deutsch geredet, um Erinnerung in der Doppelbedeutung von Vergegenwärtigung und Selbstermahnung. Sie dient der Bewahrung und Kultivierung unseres kulturellen Gedächtnisses, nicht zum Vergnügen und zur Stützung des Ausstellungstourismus, sondern weil anders wir uns selber nicht mehr sehen. Die Spurenlese und Auslegung der Lebenszeugnisse und geschichtlichen Dokumente sind der Spiegel, in dem wir uns selbst zu sehen versuchen.

Das erklärt, dass den Geisteswissenschaften wie von selbst die Gebärde des Zeigens und Klarmachens, der erschließenden und eindringenden Belehrung eigentümlich ist: Sie sind auf lernendes Lehren und Verständnis bezogen. Ihre Ergebnisse sind auch nicht wie Apparate zu nutzen, die eine leistungsorientierte Forschung bereitstellt; es gibt sie nur im Mit- und Nachvollzug, gebunden an das Lernen der Einzelnen, gewissermaßen an ihre poetische, sinneinlegende und darin sich spiegelnde Rezeptivität. Dieses Wissen wird nicht von Industrieverbänden und Großorganisationen nachgefragt, auch nicht von Betrieben und nicht von Forschungslabors; es rechnet sich nicht und erscheint redundant gegenüber der Ökonomie sozialer Verhältnisse. Dennoch meldet sich zunehmend ein Bedarf an Selbstaufklärung und gemeinschaftlicher Verständigung, der sich durch Amüsement und eine rührige Eventindustrie nicht aufwiegen lässt. Er meldet sich um so mehr, je schneller die Ergebnisse der hard sciences ändernd in unsere Lebensverhältnisse eingreifen, unsere Umstellfähigkeiten in Anspruch nehmen und uns dem entfremden, was wir unserer Herkunft und der longue durée bewährter Erfahrungen verdanken. Ein Indikator für dieses elementare Bedürfnis nach Selbstbewahrung und Selbstvergewisserung ist die progressive Ausbreitung von Arealen der Erinnerung unter dem Stichwort des "Weltkulturerbes"; aber dessen Konservierung allein wird nicht reichen, wenn nicht auch das Erinnern selber kultiviert wird: sonst haben wir am Ende ein Weltkulturerbe ohne Erben.

Es kommt nicht nur darauf an, die Welt zu verändern, es kommt um willen unserer selbst und unserer Zukunft darauf an, sie zu interpretieren und zu verstehen.

 

Prof. Dr. Klaus Prange ist Direktor des Seminars für Erziehungswissenschaft, Tübingen

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