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Dr. Julian Lethbridge

Der Gegenstand der Geisteswissenschaften ist der menschliche Geist

Der Gegenstand der Geisteswissenschaften ist der menschliche Geist dessen Gedanken sind Gegenstand der Philosophie und Literatur, dessen Handlungen Gegenstand der Geschichte und Sozialwissenschaften. Denken, bewusst oder unbewusst, ruft Handlung hervor, Handlung offenbart sowohl den Gedanken der sie hervorgerufen hat als auch die Lebenswelt, in der der Gedanke zur Handlung wird und auf die er einwirkt. 

Der zentrale Gegenstand der Geisteswissenschaften ist Sprache, nicht nur gesprochene und geschriebene Sprache, sondern auch jene Systeme anderer kultureller Gegenstände, Töpfe und Pfannen, Gemälde oder Skulpturen, deren Organisation der der Sprache ähnlich ist. 

Wenn ein Mensch auf seine Lebenswelt einwirkt, erfährt diese Lebenswelt eine tiefgreifende Veränderung; aus einem Naturgegenstand, von Interesse für die Naturwissenschaften, wird ein Kulturgegenstand, von Interesse für die Geisteswissenschaften. Diese Transformation kann eine physische sein: wenn eine Hand einen Tonklumpen zu einem Wasserkrug formt; aber es kann auch eine nicht-physische sein: wenn eine Hand ein großes Blatt als Teller verwendet oder aus drei Steinen eine Feuerstelle baut. Der Tonklumpen, das Blatt, die Steine werden zu Kulturgegenständen, deren Bedeutung für die Naturwissenschaften unsichtbar bleibt, die aber die Geisteswissenschaften versuchen zu ergründen und zu verstehen. 

Man kann die Welt in Natur- und Kulturgegenstände aufteilen; Überschneidungen ergeben sich da, wo Naturgegenstände zu Kulturgegenständen umfunktioniert werden. Gegenstände sind nicht notwendigerweise physische Objekte, auch Sprache ist ein Kulturgegenstand, ganz wie ein Buch, ein Topf Suppe, ein Mensch. Sowohl Sprache als auch Menschen können als Naturgegenstände behandelt und von den Naturwissenschaften betrachtet werden. In der Medizin beispielsweise kann ein Mensch als Naturgegenstand behandelt und wenn er nicht mehr funktioniert, repariert werden, wie andere, nicht-menschliche Gegenstände, ein Fahrrad oder ein Computer, auch. Aber ein Mensch kann auch als Person betrachtet werden, als Kulturgegenstand der Nachbar, mein Freund, meine Geliebte, oder mein Feind. 

Die naturwissenschaftliche Erklärung für eine erhobene Hand bewegt sich in den Kategorien einer chemischen Reaktion, einer Reihe elektrischer Impulse entlang des Nervensystems und Muskelkontraktion, in Einklang mit den Gesetzen von Chemie und Mechanik. Aber eben das Menschliche fehlt bei einer solchen Erklärung: der Grund weshalb ich meine Hand erhoben habe, Motiv und Intention: weil ich liebe und liebkosen möchte, weil ich hasse und zerstören möchte, weil ich mein Haar in Ordnung bringen möchte, um nicht ungekämmt in der Öffentlichkeit zu erscheinen. 

Solche Haltungen und die zugehörigen Motive und Intentionen, die die erhobene Hand von einem bloßen Ereignis in der Naturwelt zu einer Handlung machen, bleibt den Naturwissenschaften unsichtbar, denn die Naturwissenschaften untersuchen die Welt der Naturobjekte unabhängig von assoziierten menschlichen Elementen, sie lassen das Kulturelle sorgfältig außen vor. Die Geisteswissenschaften dagegen wissen streng genommen nichts von der Chemie oder Mechanik natürlicher Gegenstände (außer als historisches Phänomen), diese sind vom Standpunkt der Geisteswissenschaften nicht von Interesse, weil chemische und mechanische Phänomene selbst nicht Produkte des menschlichen Geistes sind. 

Die ganz primitive Sprache, die der Mensch mit dem Tier teilt, Körpergesten, Knurren und Grunzen als Ausdruck von Schmerz oder Freude, Ärger oder Verlangen, ist vermutlich ein natürlicher Gegenstand. Jene hochentwickelte Sprache, die dem Menschen eigentümlich ist jedoch, ist ein äußerst komplexer Kulturgegenstand. 
Da allerdings jedes Individuum Sprache als etwas Gegebenes ererbt, kann Sprache sowohl als Natur- als auch als Kulturgegenstand betrachtet werden. Auf der einen Ebene findet sich Vokabular, Grammatik, gebräuchliche Idiome einer Sprache: das abstrakte Sprachsystem, jene Dinge, die der Sprache gewissermaßen ganz von selbst Bedeutung geben; das ist Sprache als Naturgegenstand betrachtet, was Saussure langue nannte, unabhängig von individuellen Gegebenheiten. Aber bestimmte Bedeutungen bleiben unsichtbar, wenn Sprache als Naturgegenstand betrachtet wird. Beispielsweise die Schönheit eines Gedichts, die emotionale Aufladung eines Gedichts, das ein junger Mann seiner Geliebten vorträgt und mit dem er ihr sagen will, nicht nur, dass er sie liebt, sondern auch etwas davon wie er sie liebt. Was Sprache bedeutet, wenn sie in einer bestimmten Situation gebraucht wird, gebraucht als gesprochenes, handelndes Wort, das wiederum Handlung hervorbringt, Sprache in Kulturgegenstand verwandelt, von einer bestimmten Person unter bestimmten Umständen und in einem ganz bestimmten Kontext eingesetzt, was Saussure parole nannte, das kann man nur begreifen mit Bezug auf die Eigenheiten der Sprache im Kontext der menschlichen Lebenswelt, als motivierte, intendierte menschliche Handlung, ganz wie das Erheben einer Hand zu einer Liebkosung. Dies ist der Bereich der Geisteswissenschaften. 

Wäre Sprache vollständig eine Sache allgemeingültiger Regeln und Konventionen, wir wären darin gefangen ohne Fluchtweg, wir sagten alle das gleiche, wiederholten die eintönig immergleichen Bedeutungen wann immer wir sprechen; es gäbe keine Dichtung, die nicht schon geschrieben wäre, es gäbe keine neue Erfahrung: keiner von uns wäre frei. Gäbe es auf der anderen Seite keinerlei Regeln und Konventionen, keinerlei Regelmäßigkeiten, die wir alle als sprechende Wesen, sei unsere Sprache Deutsch, Englisch, Chinesisch oder Yoruba, von unseren Müttern lernen, wenn wir zu sprechen lernen, dann könnte keiner von uns den anderen verstehen, jeder spräche einen radikalen Idiolekt, keiner von uns könnte die abstrakten Sprachstrukturen von seinen Vorfahren ererben. Jedes Individuum stünde allein in der Welt, gezwungen bei der Geburt, ganz von vorne zu beginnen, alle Beziehungen neu zu erfinden (denn Mutterschaft hätte keine Bedeutung, es ist eine Vorstellung, die wir von unseren Müttern, Vätern, Lehrern, Geschwistern und Freunden lernen), gezwungen alle Technologie neu zu erfinden, angefangen von Techniken des Essens bis zum Computer: kurz, wir wären wenig mehr als Tiere, die keine Sprache haben und deshalb nicht frei sind. Denn es ist Sprache, ererbtes Sprachgut wie einzigartige Sprachschöpfung, die den Menschen zu dem machen, was er ist, seiner selbst bewusst, rational und potentiell frei. 

Genaugenommen ist kein Tier frei und kein Mensch wird frei geboren, außer im rechtlichen Sinn. Eine Person wird zur Person (einem Kulturgegenstand) und frei durch den weisen und intelligenten Gebrauch ihres Kulturerbes, ihres Verstandes und vor allem ihrer Sprache, die sie zum Menschen macht. Sprachstudium bedeutet nichts anderes als das Studium dessen, was den Menschen als Kulturgegenstand ausmacht. Die großen Fragen des menschlichen Lebens und Glücks Freiheit, Recht und Unrecht, Unsterblichkeit, Schönheit, das Gute sind Kulturgegenstände. 

Zudem teilen die Geisteswissenschaften weitere Aufgaben, die sie mit der Dichtung teilen die Erhellung menschlicher Erfahrung der Welt und in der Welt, menschlichen Denkens an sich, geschaffen und offenbart in Sprache, die als Kulturgegenstand untersucht wird. Philosophen und Theologen, wenn sie von Freiheit, Glück, Werten, Recht und Unrecht schreiben, schaffen, indem sie die rechten Worte, neue Worte wenn nötig, in der rechten Reihenfolge setzen, Kulturgegenstände von unermesslichem Wert. Denn sie betreffen die menschliche Existenz als ebensolche, nicht als tierische Existenz, Verhalten als Handlung nicht lediglich als Ereignis in der Naturwelt. 

In gewissem Sinne ist es falsch, von einer Methode der Geisteswissenschaften zu sprechen. Wie Wilamowitz anmerkte, verwenden Geisteswissenschaften jede beliebige Methode, die die kulturelle oder individuelle Bedeutung eines Gegenstands offenbart, oder schafft. Methoden des logischen Diskurses, der Beweisfindung und -verwendung, Rechtfertigung, Argumentation von Frage über Beweislage zu einer Antwort, und vor allem detaillierte Aufmerksamkeit für die spezifischen Eigenheiten einer bestimmten Situation, bewahren die Geisteswissenschaften vor Unsinn und führen sie in Richtung der tatsächlichen Gegebenheiten, immer im Rahmen allgemeiner Gesetzmäßigkeiten, ererbter Regeln und Konventionen, das Neue und die Neuschaffung des menschlichen Wesens suchend.

 

Dr. Julian Lethbridge ist Dozent am Seminar für Englische Philologie in Tübingen.

 

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