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Prof. Dr. Dieter Langewiesche

Der Ort der Geisteswissenschaften im politischen Leben

Ohne Wissenschaft wäre unsere Gesellschaft nicht zukunftsfähig - dieses Bekenntnis ist zum politischen Gemeinplatz geworden. Doch welche Art von Wissenschaft ist gemeint? Die Politik setzt vor allem auf Wissenschaftszweige, die sofort oder in nicht zu ferner Zukunft gesellschaftlichen Nutzen versprechen - wirtschaftlichen, technologischen und neuerdings vor allem biologisch-medizinischen. Das ist verständlich, denn Politik zielt auf das Wohl aller, und sie braucht die Zustimmung der Öffentlichkeit, um ihre Vorhaben zu finanzieren. 

Wer seine gesellschaftliche Nützlichkeit politisch nicht plausibel machen kann, wird in Zeiten schrumpfender Etats zu den Verlierern gehören. Fächer, deren Ausbildung und Forschung unmittelbar auf Anwendung ausgerichtet sind - etwa Informatik, Ingenieurwissenschaften oder die sogenannten Lebenswissenschaften -, müssen ihren Nutzen nicht rechtfertigen. Jeder hat eine Vorstellung davon. Anders ist es heute bei den Geisteswissenschaften. Sie gelten als Bildungsfächer. Doch was Bildung ist und wozu sie taugt, darüber ist sich unsere Gesellschaft nicht mehr einig. Deshalb fällt es schwer, sich über den gesellschaftlichen Wert der Geisteswissenschaften zu verständigen. Geisteswissenschaften erzeugen keine Patente, heilen keine Krankheiten und versprechen kein längeres Leben. Dennoch sind sie für das politische Wohl moderner Gesellschaften unverzichtbar. Dazu sechs Thesen:

  1. Die Geisteswissenschaften sind in sich auf Grenzüberschreitung und zugleich integrativ und dialogisch angelegt (H. R. Jauß). Diese Fähigkeit braucht gerade eine Gesellschaft wie die unsrige, die einen dauerhaften Prozess doppelter Entgrenzung bewältigen muss: Europäisierung und Globalisierung. Es geht nicht darum, diese Entwicklungen als eine Verlustgeschichte zu kompensieren, sondern das eigene Denken systematisch auf Entgrenzungsprozesse einzustellen. Geisteswissenschaften ermöglichen dies, denn sie bieten eine methodische Schulung, die lehrt, wie Gewohntes ständig in Frage gestellt und zugleich das Neue in Kontinuitäten einfügt werden kann. Geisteswissenschaften führen einen Dialog zwischen Vergangenheit und Heute. Sie fördern in der Gesellschaft eine traditionsverbundene Innovationsbereitschaft, auf die jede zukunftsoffene Politik angewiesen ist.
  2. "Die zentrale Bedeutung, die die Geisteswissenschaften für die Moderne haben, besteht nicht darin, dass sie die Moderne kompensieren, sondern dass sie sie vollziehen: moderne Kultur ist wissenschaftlich reflektierte Kultur" (E. Tugendhat). Kultur umfasst jede Form menschlicher Tätigkeit und ihrer Wirkungen, also auch die Leistungen der Naturwissenschaften, der Technik und der Industrie. Um diese Zusammenhänge zu erkennen und als Wissen in den Lebenswelten der Menschen zu verankern, ist die Gesellschaft auf die Geisteswissenschaften angewiesen. Ihre wissenschaftlichen Analysen kultureller Entwicklung sind politisch auch dann bedeutsam, wenn sie nicht von Politik sprechen.
  3. Geisteswissenschaften, die nach der Entstehung der Moderne fragen, sind auch geeignet, über die ethischen und normativen Implikationen heutiger und künftiger Möglichkeiten menschlichen Handelns wissenschaftlich begründet nachzudenken. Geisteswissenschaften haben zwar kein Monopol darauf, der Gesellschaft Zukunftsorientierung zu bieten, doch es ist ihre Aufgabe, die kulturelle Entwicklung des Menschen zu erforschen und das Wissen darüber gegenwärtig zu halten. Auf diese Aufklärungsarbeit kann keine verantwortungsvolle Politik verzichten. 
  4. Die Geisteswissenschaften bilden kein festgefügtes Ensemble bestimmter Fächer. Die Fragen, die sie stellen, und ihre fachlichen Schwerpunkte werden vielmehr durch Veränderungen innerhalb der Wissenschaft und der Gesellschaft gesteuert. Dabei gab es stets auch Eingriffe der Politik. Die Hochschule war immer ein politischer Raum, nie ein Elfenbeinturm, auch wenn dies ein wohlfeiles Gerede behauptet. Nie zuvor war jedoch die Verkoppelung der Wissenschaft mit Politik, Wirtschaft und Medien (P. Weingart) so eng wie heute. Dies bürdet der Politik künftig eine höhere Verantwortung als früher für die Entwicklungsfähigkeit gerade der Geisteswissenschaften auf. Denn diese geraten durch die Ökonomisierung der wissenschaftspolitischen Ressourcensteuerung, die zur Zeit zu beobachten ist, stärker als andere Wissenschaftszweige unter Druck. Doch für alle gilt, wenn auch die Auswirkungen unterschiedlich stark sind: Werden die Wissenschaft und die Hochschulen als der Ort, an dem Forschung und wissenschaftsbezogene Lehre vereint sind, durch politisch gesetzte Vorgaben zu stark den Regeln unterworfen, denen die Wirtschaft folgt, so wird auf Dauer der Nutzen von Wissenschaft für die gesamte Gesellschaft verspielt. Wirtschaft und Wissenschaft sind unterschiedliche Teilsysteme unserer Gesellschaft. Deren Eigenständigkeit zu ermöglichen, ist Aufgabe der Politik. Sie sollte neue Freiräume für die Hochschulen schaffen, damit neue Formen der Selbststeuerung erprobt werden können. Das würde es ermöglichen, auch auf die Besonderheiten der Geisteswissenschaften angemessen einzugehen. Was derzeit jedoch unter dem Etikett Hochschulautonomie feilgeboten wird, verdient diesen Namen nicht. Deregulierung auf deutsch bedeutet offensichtlich einen neuen Regulierungsschub. Das Bulmahn-Gesetz ist dafür ein Lehrbeispiel. 
  5. Die Hochschulen müssen fähig sein, neue Wissenschaftsbereiche aufzunehmen und auszubauen. Die Politik muss die Voraussetzung schaffen, dass diese notwendige Entwicklung nicht dazu führt, bestehende Fächer in ihrer Leistungskraft zu beeinträchtigen oder sie gar zu vernichten. Von dieser Gefahr sind die Geisteswissenschaften akut bedroht, weil die neuen Formen der politischen Ressourcensteuerung vorrangig unmittelbar anwendungsbezogenen Wissenschaftszweigen zugute kommen. Die Politik sollte jedoch den Hochschulen keine Verteilungsregeln vorschreiben, die Großprojekte belohnt. Dass in den Geisteswissenschaften weiterhin die Einzelforschung dominiert, ist kein Zeichen für Modernitätsverweigerung. Einzelforschung fördert Individ