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Prof. Dr. Frank Kolb

Akribie und Gesellschaft: 
Zur Notwendigkeit wissenschaftlicher Präzision in den Geisteswissenschaften

Aufgabe eines Gesetzgebers sei es, so Platon im 'Timaios', "die Gesetze, so gut er kann, mit der größten Genauigkeit (akribia) abzufassen". Diese Forderung dürfte wohl jedem einleuchten, denn ein ungenau formuliertes Gesetz führt zu Rechtsunsicherheit und vermehrten Rechtsstreitigkeiten. Ist mithin in der Ausbildung der Juristen der Zusammenhang zwischen Genauigkeit in den Geisteswissenschaften und praktischem Nutzen evident, so ergibt er sich anderswo eher indirekt, z.B. aus den praktischen Konsequenzen geisteswissenschaftlicher Ausbildung, etwa wenn Mitarbeiter an einem Forschungsprojekt des scheinbar so praxisfernen Faches Alte Geschichte nach ihrem Ausscheiden in der 'Wirtschaft', nicht zuletzt im EDV-Bereich, gewissermaßen mit Kusshand eingestellt werden - und zwar nicht in erster Linie, weil sie auch mit EDV umgehen können, sondern weil sie im Umgang mit antiken Texten usw. präzises Arbeiten gelernt haben, das in der Textverarbeitung von unschätzbarem Wert ist. 

Unterhalb dieser berufspraktischen Oberfläche ist jener Nutzen der Akribie angesiedelt, der sich in dem gegenwärtig bis zum Überdruss missbrauchten Schlagwort 'Innovation' niederschlägt. Der phrasenhaften Verwendung dieses Begriffes durch Politiker scheint die naive Vorstellung zugrunde zu liegen, man müsse nur gezielt 'wollen', dann werde man auch 'Neues' finden. Die entscheidende Voraussetzung für Innovation aber ist Präzision. Erst aus der Fähigkeit zu genauem Verständnis und exakter Interpretation eines Textes ergeben sich neue Deutungen und Fragestellungen, und zwar oft unerwartet und unverhofft. Wem die Fähigkeit zur Akribie abgeht, der wird weder von selbst zu einer fruchtbaren Fragestellung gelangen noch in der Lage sein, einer ihm empfohlenen originellen Fragestellung vielversprechend nachzugehen. Präzises Denken ist ferner Grundvoraussetzung des kritischen Denkens, welches - oft mit 'Kritik' verwechselt - gleichbedeutend ist mit Urteilsfähigkeit unter Einschluss von Selbstkritik. Exaktes Denken aber ist nicht möglich ohne Beherrschung der Sprache, in der man denkt. Wer deren Grammatik, Idiomatik und Vokabular nicht zutreffend zu verwenden weiß, ist nicht nur unfähig, präzise formulierte Gedanken zu Papier zu bringen, sondern überhaupt unfähig zu genauem Denken. Vage, verschwommene Ahnungen und pseudointellektueller Manierismus statt exaktem Wissen und klarer Darlegung desselben sind deshalb heutzutage allenthalben zu beobachten, nicht zuletzt in den Feuilletons der Zeitungen. 

Wo Genauigkeit des Denkens und der Sprache fehlen, kann es auch keine 'Wissens- und Informations-Gesellschaft' geben. Unzutreffender als mit diesen neuerdings mit Vorliebe benutzten Schlagworten kann die gegenwärtige bildungspolitische Situation wohl kaum beschrieben werden, denn wir leben in einem Ambiente, in welchem z.B. kaum eine über die Medien vermittelte Nachricht wirklich zutreffend ist, in der ferner das Internet den Konsumenten mit 95% 'Schrott' sowie vorläufigen, jederzeit beliebig widerrufbaren Mitteilungen überrollt, in der Politiker mit schwammigen, nichtssagenden Phrasen nur Positionen im Wettkampf des Meinungspopulismus besetzen und in der ein überflutender Büchermarkt nur deshalb gedeihen kann, weil eben größtenteils nicht exakte Informationen, sondern oberflächliches Geschwätz geboten wird. Desinformation und Halbwahrheit triumphieren, nicht etwa wirkliches Wissen und genaue Information.

Mit dem durch die jüngsten 'Reformen' entscheidend geförderten, vermehrten Einfluss von Politik und Geld in der Bildungs-, nicht zuletzt in der Universitätslandschaft, steigt auch im akademischen Bereich die Gefahr der Zunahme von Schaumschlägerei oder gar Scharlatanerie, welche um der Öffentlichkeitswirksamkeit willen auf Kosten der wissenschaftlichen Genauigkeit betrieben wird. Was in den von unseren Politikern gern als großes Vorbild hingestellten USA längst gang und gäbe ist, dringt auch in unser Universitätssystem ein, wie jüngste Skandale hinreichend zeigen. Der 'Verlust an Genauigkeit' vollzieht sich freilich nicht erst in der Wissenschaft, sondern bereits in der Grundausbildung. Wir leben in einer Gesellschaft, in welcher die 50-jährige Schreibkraft mit Hauptschulabschluss die deutsche Rechtschreibung besser beherrscht als der durchschnittliche 20-jährige Student. Ideologen und Pädagogen haben seit den 70er Jahren die deutsche Bildungslandschaft und ihr in der Welt an Qualität unübertroffenes dreistufiges, um eine solide praktische Berufsbildung ergänztes Schulsystem in wesentlichen Teilen ruiniert. Die von ihrem Erfinder Georg Picht später selbst als Fehlanalyse bezeichnete angebliche 'Bildungskatastrophe', welche die jetzige Bundesbildungsministerin, von der gleichen ideologischen Blindheit geschlagen, immer noch predigt, hat in Verbindung mit dem sozialistischen Irrglauben an die von Natur aus gleiche Begabung aller Menschen zur Losung 'Abitur für alle' geführt, was natürlich auf die Masse der Wähler verführerisch wirkte. Auch eigentlich anders denkende politische Parteien haben sich aus opportunistisch-wahltaktischen Motiven der daraus resultierenden Bildungspolitik der Gleichmacherei mit dem aus ihr zwangsläufig resultierenden Niveauverlust aller Schultypen weitgehend angeschlossen. Anstatt die bis in die 60er Jahre auf höchst solidem Niveau arbeitende Realschule auszubauen, ihr eine berufspraktische Ausbildung anzuschließen und von dort aus den Weg zur Fachhochschule vorzusehen, hat man das Abitur entwertet und massenhaft Studenten an die Universitäten geschickt, die von ihren Fähigkeiten her dem dortigen Niveau nicht gewachsen waren. So hat die Politik mit dem Gymnasium und der Universität staatliche, für Schüler und Studenten kostenlose Elitebildungsanstalten, welche 'Horte der Genauigkeit' und damit der Innovation waren, weitgehend zerstört. Heute ruft sie nahezu marktschreierisch wieder nach Elitebildungsanstalten, die aber jetzt nach amerikanischem Vorbild als teure Privatschulen und Privatuniversitäten eingerichtet werden. Damit frisst der sozialistische Bildungsgedanke gewissermaßen seine Kinder, den sein Produkt ist letztlich die Abhängigkeit der Qualität der Bildung vom Geldbeutel der Eltern.

Auf dem Altar jener Gleichmacherei, die sich zudem unseligerweise mit einer Art Hippie-Pädagogik des 'spielerischen Lernens', der Fixierung auf sogenannte Selbstverwirklichung und grenzenlose Ich-Bezogenheit verbündete, wurde das Fundament jeglicher (Aus-)Bildung und Innovation weitgehend geopfert: die Genauigkeit. Im Bereich der geisteswissenschaftlichen Schulfächer musste das nicht zuletzt zur Beseitigung bzw. zum Aufweichen der alten Sprachen führen, insbesondere des Lateinischen, dessen präzise Formenbildung eine entsprechende Fähigkeit zur Akribie abverlangt. Aber schon in der Grundschule wurde möglichst zurückgedrängt, was unterschiedliche Begabungen aufzuzeigen vermochte, angefangen mit dem Beharren auf Beherrschung der Grundregeln der Rechtschreibung.

Ist eine Rückkehr zur Präzision im deutschen Bildungssystem möglich? Erschwert wird dies dadurch, dass in den 70er und 80er Jahren zahlreiche heute an den Schulen tätige Pädagogen, welche es selbst an Fähigkeit zu exaktem Arbeiten fehlen ließen, das Examen geschenkt erhielten. Ferner muss man mit Erschrecken feststellen, dass jene sozialistischen Ideen, die im politischen und wirtschaftlichen Bereich ihren totalen Bankrott erlebt haben, nicht nur in der demokratiefeindlichen political correctness, sondern auch im Bildungsbereich immer noch fröhliche Urständ feiern, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass in Pervertierung der Realitäten ausgerechnet das von jener Ideologie ins Mark getroffene dreistufige Schulsystem als Verursacher der jetzigen Bildungsmisere angeklagt wird. 

Aus der Pisa-Studie, bei der man sich fragen muss, auf welche Schulsysteme ihre Fragen zugeschnitten waren, wird jetzt die Forderung nach Nachahmung anderer Länder erhoben. Aber welche hervorragenden 'innovativen' Wissenschaftler, z.B. Nobelpreisträger, haben die Finnen eigentlich aufzuweisen? In Deutschland benötigen wir keine fremden Vorbilder. Die Orientierung für eine künftige Bildungspolitik kann und sollte nur aus der über Jahrhunderte gewachsenen, durchaus ruhmreichen Tradition des eigenen, des deutschen Bildungssystems kommen. Hier muss auf bewährte frühere Qualitäten des dreistufigen Schulsystems zurückgegriffen werden. Weder Gesamtschule noch Ganztagsschule tragen zu einer Lösung der Probleme bei, sondern nur die Rückkehr zur Genauigkeit. Diese ist jedoch nur durchsetzbar mit der Rückkehr zu den von Bildungsreformern systematisch diskreditierten Sekundärtugenden, wie Disziplin und Fleiß, sowie einem darauf gegründeten Arbeitsklima an der Schule. Dafür sind jedoch auch gesellschaftspolitisch unbequeme Einsichten und unpopuläre Maßnahmen notwendig. Die psychischen Voraussetzungen für konzentriertes Lernen bei den Schülern können nicht durch Abschieben der Kinder in die Hände anderer geschaffen werden, sondern nur durch eine intakte Familie, welche alltägliche Geborgenheit gewährt. Mit anderen Worten, die Rückkehr zur Genauigkeit erfordert die Erkenntnis, dass auch im gesellschaftlichen Bereich die Quadratur des Kreises, wie sie unsere Selbstverwirklichungs- und Spaßgesellschaft anstrebt, nicht gelingen kann.

 

Prof. Dr. Frank Kolb ist Direktor des Seminars für Alte Geschichte der Universität Tübingen.

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