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Prof. Dr. Dr. hc. Hans-Georg Kemper

1000 Worte für die Geisteswissenschaften –
Geistes-Blitze für die Spaß-Gesellschaft?*

Bildung zahlt sich aus! 

Das ist die frohe Botschaft der Geisteswissenschaften an die profitorientierte Spaß-Gesellschaft von heute. Wer im Quoten-Fernsehen bei Günter Jauch Millionär werden will (der erste, der es geschafft hat, soll ein Professor gewesen sein), muß Fragen wie diese beantworten können: ‚Von wem stammt der berühmte Satz: "Humanität ist der Zweck der Menschen-Natur und Gott hat unserm Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben"? A. Von Johann Wolfgang Goethe. B. Von Johann Gottfried Herder. C. Von Karl Marx. D. Von Papst Johannes XXIII.?' Da ist guter Rat teuer, und der ‚gesunde Menschenverstand' führt leicht in die Irre. Kann Karl Marx das gesagt haben? Dann doch eher der Papst. Wenn man bloß wüßte, wer Herder ist! Aber wahrscheinlich war es doch Goethe, der Satz klingt irgendwie so klassisch. - Ja, fast richtig, sozusagen J-auch: Goethes Klassiker-Freund Herder schrieb ihn als Quintessenz seines Hauptwerkes ‚Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit'. Aber auch mit Karl Marx scheint die Maxime nicht unvereinbar; dessen Anhänger in der DDR nannten ihre Bildungs-Anstalten, die das sozialistische Menschen-Bild verbreiten sollten, Herder-Institute. Seit der Wende heißen diese (wenn sie nicht geschlossen sind) Goethe-Institute und verbreiten das humanistische Menschenbild. Aber das gehört nicht mehr zum Spiel. Auch nicht der Inhalt von Herders Satz. Bei ihm würde ja der Spaß aufhören.

Und mit diesem Satz fangen die Probleme der Geisteswissenschaften an. Angenommen, Bildung zur Humanität, prometheische "Sinnstiftung" oder auch nur epimetheische "Inkompetenzkompensationskompetenz" (Odo Marquard) seien der Zweck, um dessentwillen die Gesellschaft sich ihre Geisteswissenschaften leistet, in jedem Fall müssen diese um ihres Erfolges und ihrer Selbstrechtfertigung willen auf eine möglichst große Öffentlichkeit Einfluß zu nehmen suchen. Längst ist denn auch die Universität kein Elfenbeinturm mehr. Inzwischen studieren nicht nur alle Schichten, sondern auch alle Generationen an der Hochschule. In Tübingen gibt es, wie HÖRZU begeistert berichtet, seit kurzem das vom ‚Schwäbischen Tagblatt' angeregte Projekt einer ‚Kinder-Uni', in der Wissenschaftler dem wuseligen Nachwuchs "elementare Warum-Fragen beantworten". Der Rektor selbst traute sich in die überfüllte Arena des Audimax und beantwortete mit vielen Tabellen die Frage: "Warum gibt es Arme und Reiche?" Regelmäßig veranstalten die Unis auch "Schnuppertage" für Gymnasiasten und Abiturienten mit eigenen Programmen. Und sie entwickeln besondere Veranstaltungen für Senioren, die auch in wachsender Zahl die Fachvorlesungen besuchen. Die Geisteswissenschaften haben längst eine eigene Tradition, um die Öffentlichkeit zu erreichen: durch Podiumsdiskussionen zu aktuellen Themen und Problemen, durch Vortragsreihen im Rahmen des ‚studium generale', durch Organisation von Autoren-Lesungen und Poetik-Dozenturen. Und wenn bei solchen ‚events' Stars wie Walter Jens vor das Mikrophon treten oder Hans Küng mit dem englischen Premierminister Tony Blair über ethische Grundfragen diskutiert, dann füllen sich die größten Hörsäle, ja dann muß auch einmal die Hauptstraße gesperrt und der Verkehr umgeleitet werden, weil es vor lauter interessierten Mitbürgern kein Durchkommen mehr gibt. Aber die Geisteswissenschaftler erreichen die Öffentlichkeit auch durch Kulturbeiträge in den Hörfunk- und Fernsehprogrammen, durch Essays und Rezensionen in den regionalen und überregionalen Feuilletons. Sie tragen zum Infotainment bei (Sendungen zu aktuellen kulturpolitischen Themen [Baden-Badener Disput], zur Literaturkritik, zur Philosophie [Philosophisches Quartett], zur Kunst-Geschichte [1000 Meisterwerke]), sie moderieren und sind Gäste in Talkshows, sie nehmen Stellung zu Zeitgeist und Pop-Kultur, die seit längerem auch zum Gegenstand geisteswissenschaftlicher Forschung und Lehre geworden ist. Von der Öffentlichkeit kaum beachtet, aber höchst effektiv - meist ehrenamtlich, unentgeltlich und damit höchst profitabel für die leeren Kassen der öffentlichen Hand - engagieren sich viele Geisteswissenschaftler auch durch Mitarbeit bei den Trägerorganisationen der Kultur: in den Aufsichtsgremien und Beiräten von Sendern, Vereinen, Stiftungen und Verbänden; durch ungezählte, meist vertrauliche Gutachten und Beratungen wirken sie mit an der Vorbereitung von großen Veranstaltungen - Ausstellungen und ihren Katalogen, Messen, Preisverleihungen -, an der Bewahrung und Restaurierung von erhaltenswerten Denkmälern der Zivilisation, an Konzepten musealer Erlebnis-Räume, und nehmen so Einfluß auf das Niveau der öffentlichen Kultur, auch wenn sie bei vielen ‚events' dann nicht selbst in Erscheinung treten. Sie stellen ihre internationalen Kontakte zur Verfügung, die sie sich auch als Botschafter der deutschen Kultur in Zusammenarbeit mit den Auslandsorganisationen (DAAD und Goethe-Institute) erwerben. Gleichzeitig helfen sie - vom Heimatmuseum bis zum Bücherfest - mit bei der Erschließung und Bewahrung lokaler und regionaler Traditionen. Auf großes Interesse stoßen auch immer wieder Jubiläumsveranstaltungen zu bedeutenden historischen Ereignissen und Persönlichkeiten (etwa die Gedenkfeiern zur 48er Revolution 1998 oder die Goethe-Feiern im Jahr darauf). Sie sind genuiner Bestandteil der geisteswissenschaftlichen Arbeit an der kulturellen Erinnerung, und nicht selten kann sich auch ein populärwissenschaftlich gehaltenes Sachbuch als Bestseller etablieren (wie zuletzt Dietrich Schwanitz' und Manfred Fuhrmanns Bücher zum Thema ‚Bildung'). Vielfältige neue Möglichkeiten zum Kontakt mit der nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit bieten die neuen Medien, vor allem das Internet: Jeder Interessent kann sich in die Selbstdarstellungen und Programme der Universitäten und ihrer Disziplinen ‚einklicken'. Und es ist hier eine besondere Herausforderung für die Geisteswissenschaften, ihre Forschungs- und Lehraktivitäten selbst ohne die Hilfe journalistischer Vermittlung verständlich und anregend darzustellen.

Aber drohen da nicht auch die Gefahr eines ‚Ausverkaufs' der Wissenschaftlichkeit, Zerstreuung statt Konzentration auf das der Wissenschaft Wesentliche? Hat Goethe nicht recht, wenn er - sein Schicksal bei Günter Jauch vorausahnend - zu bedenken gibt: "Das Himmlische, Ewige wird in den Körper irdischer Absichten eingesenkt und zu vergänglichen Schicksalen mit fortgerissen"? Viele Geisteswissenschaftler sind deshalb auch davon überzeugt, daß ihre Fächer der Gesellschaft am besten dienen, wenn sie ihre eigenen Absolventen als ihre wirksamsten Humanitätsbotschafter betrachten und sie deshalb so wissenschaftlich wie möglich ausbilden wollen, damit diese bei ihrer späteren Öffentlichkeits-Arbeit in den Schulen, Medien, Verlagen und Bildungseinrichtungen selbstverantwortlich - und damit auch unbeeinflußt von Marktinteressen - wirken können. 

Gibt es keine Vermittlung zwischen diesen Positionen? - "Warum kann Schule doof sein?" lautete das Thema einer Lektion an der Tübinger Kinder-Uni. Mit dem Schlußsatz des Professors hatten die Kinder ihre Pisa-Lektion gelernt: "Ein guter Schulabschluß hilft für einen guten Beruf" Die Kinder waren laut HÖRZU begeistert. Ob es nur ein Spaß bleiben wird, hängt nicht zuletzt auch von den Lehrern und ihrer Fähigkeit ab, die Schüler weiter für ihre Bildung zu begeistern: Durch das ‚Herz' geht es zum ‚Kopf' und nicht umgekehrt! Und zu wieviel Engagement und Begeisterung sind nicht auch schon Jugendliche bereit, wenn es um ihre Idole geht! Da werden Popstars regelrecht ausgekundschaftet, ihre Werke akribisch gesammelt und archiviert: Jugend forscht - auf ihre Weise auch hier! "Leidenschaft, so hat Benjamin von Stuckrad-Barre (Jg. 1975) dies in seinem Essay ‚Remix' (1999) kommentiert, "kann alles. Als konstruktive Anleitung, als ein Aufsgleissetzen sollten Deutschlehrer ihre Aufgabe begreifen." Und gilt das nicht auch für die Wissenschaften gegenüber ihren Adepten? Wer Begeisterung für eine Sache spürt, muß zu ihr nicht mehr gezwungen werden. Wenn etwas jemandem ‚Spaß' macht, erklärt der Duden dies etwas geschmäcklerische Wort, dann erfreut es ihn. In einer Gesellschaft, in der so viel Enthusiasmus brach liegt und aktivierbar ist, müssen auch die Geisteswissenschaften Freude durch ihr Tun und an ihrem Tun vermitteln. Freude, Schillers "schöner Götterfunken", der - wie noch jüngst bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südkorea gehört und gesehen - Millionen zu umschlingen (und Millionäre zu machen) vermag, verbindet schließlich auch die vom ‚Geist' inspirierten Wissenschaften. Und wenn sich Gesellschaft und Wissenschaften - durch ‚1000 Worte' angeregt - erwartungsfroh begegnen, können sie noch viel Spaß aneinander haben. - Kann man nicht auch "lachend ernsthaft" sein (von wem stammt das?)?

*Ich danke Heinz Drügh, Michael Herrmann und Marion Hiller für ihre Geistes-Blitze zu diesem Thema.

 

Prof. Dr. Dr. hc. Hans-Georg Kemper ist Professor am Seminar für Neuere Deutsche Literatur in Tübingen

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