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Professor Dr. phil. Hermann Jung

Musik im Wechselspiel von Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlich-bildungspolitischem Anspruch – Neun Thesen

I

... quid sit musica? Die Frage nach Wesen und Sinn von Musik trieb bereits Musiktheoretiker, Philosophen und Kirchenlehrer seit Antike und frühem Mittelalter um. Eine schlüssige Antwort steht bis heute aus. Musik ist nicht allein Klangzauber oder virtuoses Können, persönlicher Seelentrost, geistige Erbauung oder flüchtige Unterhaltung. Sie schafft nicht zuletzt auch Wissen.

II

Musikwissenschaft ist im Verbund der geisteswissenschaftlichen Fächer zuerst eine Disziplin an den Universitäten, mit gleichem Anspruch heute auch an den Musikhochschulen angesiedelt, hier stärker im Zusammenwirken mit künstlerischer Praxis und pädagogischer Ausbildung. Hier wie dort ist ihre synthetische wie integrale Kraft als historische und systematische Wissenschaft in Forschung und Lehre gefordert.

III

Im Verbund der Kulturwissenschaften beschränkt sich Musikwissenschaft nicht mehr auf Kunstphänomene und Kunstwerke einer weitgehend auf Europa zentrierten Hochkultur allein, sondern umfasst heute alle künstlerischen und musikalischen Erscheinungsformen unter den Aspekten der Offenheit und Wertneutralität: Musik in notierter und in schriftloser Form, ihre Zeichen und Symbole, ihre Kommunikations-Fähigkeit und Sprachlichkeit, ihre Multimedialität im Zusammenwirken von Hören, Sehen und Fühlen. Dazu sind Kontakte, Zusammenarbeit und Vernetzung mit Nachbardisziplinen wie Philosophie, Theologie, Literatur- und Sprachwissenschaft, Kunstgeschichte, Psychologie, Soziologie oder Erziehungswissenschaft unlab-dingbar.

IV

Die Artenvielfalt von Musik in Geschichte und Gegenwart zwingt den Forscher und Lehrer zu einer differenzierten methodischen Vorgehensweise (nach Rösing/ Petersen):

V

Erlebnis von Musik und Erfahrung mit ihr führen über Erinnerung, Nachdenken und Fragen zu Reflexion und Analyse. Der Wissenschaftler ist zugleich Hörer, der einen emotionalen und assoziativen Zugang mit den Standards der Wissenschaftlichkeit zu verbinden und in historische, kulturelle, biologische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu stellen weiß. Die im Zentrum stehende Analyse musikalischer Phänomene schließt die Interpretation mit ein. Die in ihrem Erklingen sinnhafte und kommunikable Musik rechnet zwar nicht mit Analyse. "Die Analyse bringt jedoch den Sinn des Gefüges zur Wissenschaft, zur erwiesenen Begrifflichkeit. Sie dient dem Verstehen und der Beurteilung von Musik" (Eggebrecht). Sie bewirkt ein genaueres, intensiveres Hören und Zuhören bei Interpreten und Publikum und steigert den ästhetischen Genus. Dies betrifft Kunst- und Unterhaltungsmusik, Jazz, Rock und Pop in gleicher Weise.

VI

Herausgabe von Quellen, Schreiben und Sprechen über Musik sind die Medien des Wissenschaftlers. Die Ergebnisse seiner Arbeit dienen dem Forschungsdiskurs und dem wissenschaftlichen Fortschritt. Sie werden heute zunehmend auch an ihrer Effizienz für ein musikkulturelles Leben gemessen. Strenge Objektivität und stringente Beweiskraft wie bei den exakten Wissenschaften kann es dabei freilich nicht geben. "In den Geisteswissenschaften zählt oftmals der einleuchtende Gedanke ebensoviel wie der Beweis in den Naturwissenschaften." Als entscheiden-des Kriterium gilt auch, dass Schreiben und Sprechen über Musikkulturen zugleich eine "lebendige Teilhabe" an ihnen bedeuten (Rösing/Petersen).

VII

Die gesellschaftliche Relevanz des Faches in historischer, systematischer und künstlerisch-praktischer Hinsicht ist heute von größerer Bedeutung denn je. Die Erforschung und Erhaltung eines lebendigen Erbes im europäischen Kontext wie im Rahmen einer Weltkultur scheint unbestritten. Noch stärker ins öffentliche Bewusstsein müssen psychologische und soziologische Studien dringen, etwa die der Musiktherapie, des pädagogischen Handelns oder Untersuchungen zu den subtilen Strategien der Werbeindustrie bis hin zu den radikal-politischen Einflussnahmen durch Musik, weiterhin Forschungen über das gruppendynamische wie Individual-Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu gesellschaftlichen Normen, als Ausdruck des Protestes oder bei der Identitätsfindung.

VIII

Musikwissenschaft bedient innovativ in vielfältiger Weise gesellschaftlich wie kulturpolitisch relevante Berufsfelder, die ausübenden Musiker und Sänger, die Regisseure und Dramaturgen am Theater, das Konzertmanagement, den Journalismus, die Therapeuten und die Pädagogen. Sie wirkt dadurch so mancher unter professionellen Musikern wie auch musikinteressierten Laien verbreiteten pseudowissenschaftlichen Erfahrung auf diesem Gebiet entgegen.

IX

Im Ineinandergreifen von schulischer Ausbildung und Hochschulstudium zeigt sich die gesellschaftliche Effizienz und Nachhaltigkeit von Bildung und Ausbildung im Fach Musik. Hier ist parallel zur "Pisa-Studie" die - im übrigen früher publizierte - "Bastian-Studie" heranzuziehen. Letztere hat nachgewiesen, dass qualifizierter Musikunterricht überaus positiv auf Kreativität, Konzentrationsfähigkeit und Leistungsvermögen einer allgemein schulischen Erziehung und Ausbildung wirkt. Gemeinsames Musizieren fördert und stärkt nicht nur rationale wie emotionale Intelligenz, sondern ebenso auch die soziale Integrationsbereitschaft. Sie formt die Persönlichkeit eines jungen Menschen und macht ihn gesellschaftsfähig. Diese und weitere von allen Wirtschafts- und Berufsverbänden immer wieder geforderten Qualifizierungsmerkmale lassen sich im künstlerischen und im wissenschaftlichen Studium der Musik für ein späteres Berufsleben weiter optimieren. Die künstlerisch-intuitive Erfahrung wie die wissenschaftlich-intellektuelle Beschäftigung mit Kunst fragt stets auch nach der eigenen Identität und bringt Aufklärung über den jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Standort.

Deshalb ist Musik als Kunst und Wissenschaft im Verbund der Geisteswissenschaften notwendiger denn je.

 

Professor Dr. phil. Hermann Jung ist Musikhistoriker an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Mannheim.

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