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Dr. Rainer Funk

Dem Ökonomismus die Stirn bieten!
Plädoyer für ein kritisches Wissenschaftsverständnis

Der Überlebenskampf der sogenannten Geisteswissenschaften an den Universitäten wird meist mit der Bevorzugung der Naturwissenschaften und deren Wissenschaftsverständnis in Verbindung gebracht. Wissenschaftlicher Erkenntnis, die nicht "empirisch" und methodisch "objektiv" ist, wird die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Im Gegenzug versuchen geisteswissenschaftliche Disziplinen entweder nach naturwissenschaftlichem Vorbild zu arbeiten oder ihre eigenständige Methodik zu behaupten, nämlich eine verstehende (hermeneutische) Wissenschaft zu sein.

Dieser Methodenstreit hatte bereits vor über 30 Jahren seinen Höhepunkt erreicht und dazu geführt, dass sich heute viele traditionell geisteswissenschaftlich genannte Disziplinen, allen voran die Sozial- und Verhaltenswissenschaften, am Vorbild der naturwissenschaftlichen Methodik orientieren. Aus meiner Perspektive geht es deshalb nicht um den Überlebenskampf der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften, sondern um ein kritisches Wissenschaftsverständnis überhaupt und um den Erhalt der kritischen Funktion von Wissenschaft. Wo sonst, wenn nicht an der Universität, soll noch das Warum und Wozu von Wissenschaft, Recht, Kultur, Bildung, Religion, Gesellschaft usw. reflektiert werden? Eine solche Reflexion kann kaum aus Drittmitteln finanziert werden, sondern ist eine elementare Aufgabe des Staates und der Politik.

Wenn Wissenschaft nicht dem allgegenwärtigen Ökonomismus erliegen soll, sondern noch eine kritische Funktion haben soll, dann muss dem Ökonomisierungsdruck im Bildungsbereich gegengesteuert werden. Es muss auch Wissenschaft geben, die die Voraussetzungen von wissenschaftlichem Denken und die unbewussten Motivationsstrukturen von Wissenschaftlern reflektiert, die nicht rechnet, sondern zweifelt und in Frage stellt und sich deshalb auch nicht "rechnet", die nicht nach Effektivitäts- und Effizienzkriterien arbeitet und die ihr Erkenntnisziel nicht an der Verkäuflichkeit des Produkts "wissenschaftliche Erkenntnis" und am Kunden orientiert. Eine solche Wissenschaft zu fordern, heißt nicht, Wissenschaft um ihrer selbst willen treiben zu wollen oder eine wertorientierte Wissenschaft zu fordern, sondern eine kritische, hinterfragende Wissenschaft, die sich gegenüber dem konformistischen Mainstream-Denken und Zeitgeist durch eine Widerständigkeit auszeichnet.

Diese kritische Funktion von Wissenschaft war es, die das neuzeitliche Denken zur Blüte gebracht hat, indem sie das Denken aus den Fesseln eines vorkritischen, von der Religion kontrollierten Weltbildes befreit hat. Sie aus Kostengründen oder anderen Deckbegründungen aus dem Universitätsbetrieb zu eliminieren, birgt die Gefahr einer Regression auf ein fremdbestimmtes Wissenschaftsverständnis in sich, das dem des mittelalterlichen nicht unähnlich ist, auch wenn die fremdbestimmenden Mächte andere Namen haben. Diktierte damals die Kirche, was wissenschaftliche Erkenntnis ist und zu erbringen hat, so lässt sich heute als faktisch gelebtes erkenntnisleitendes Hauptinteresse ein Ökonomismus ausmachen, dessen Haupttriebfedern zum einen Berechenbarkeit und Quantifizierung sind, zum anderen die Orientierung am Marketing.

Der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980) hat diese Triebfedern des Ökonomismus näherhin untersucht und sie als Gesellschafts-Charakterorientierungen des gegenwärtigen Menschen in ihrer Psychodynamik beschrieben. Sie durchdringen inzwischen sämtliche Lebensbereiche, auch das Selbstverständnis von Wissenschaft. Was bei aller Kompliziertheit und Spezialisierung wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis zählt, ist bei näherer Betrachtung in erster Linie das Quantifizieren und Berechnen, und zwar auch von Gegenständen, die keine Dinge sind wie Mensch und Gesellschaft, sowie die Frage der Marketingstrategie, also wie sich wissenschaftliche Erkenntnis gewinnbringend und erfolgreich verkaufen lässt. 

Der Ökonomisierung des Bildungsbereichs und dem universitären Ökonomismus kann und muss mit einer kritischen Wissenschaft gegengesteuert werden, und zwar in allen wissenschaftlichen Disziplinen. Deshalb sind auch Zweifel angebracht, die kritische Funktion von Wissenschaft an eine Abteilung "Ethik der Wissenschaft" zu delegieren. Solches dient nur dazu, einer käuflich gewordenen und einer der Verkäuflichkeit ergebenen Wissenschaft ein Feigenblatt anzuheften, damit einem bei ihrem Anblick nicht die Schamesröte ins Gesicht steigen muss. Das Bild vom Feigenblatt "Ethik der Wissenschaft", das verhindern soll, dass man sich als Spezialist und Wissenschaftler seines eigenen Tuns schämen muss, stößt bei den meisten vermutlich auf pures Unverständnis, denn Scham gehört heute schon gleich gar nicht zum Gefühls-Repertoire eines erfolgreichen Wissenschaftlers. Oder vielleicht doch?

An der Tübinger Universität wurde ein vielsagendes Experiment durchgeführt, das für ein kritisches Wissenschaftsverständnis weit mehr aussagt als alle Ranking-Listen und Qualitätssicherungsmaßnahmen: Auf Initiative der örtlichen Zeitung boten einzelne Professoren eine Kinderuniversität an. Es galt also, den zu Hunderten gekommenen Schulkindern Wissenschaft zu übersetzen und auf die vielen Ehrfurcht gebietenden Verkleidungen in Form von Fachbegriffen, Theorienkonstrukten usw. zu verzichten. Ein Wirtschaftswissenschaftler traute sich gar an die Frage: "Warum gibt es Arme und Reiche?" In der Tat, ein mutiges Thema, bei dem man gespannt sein darf, welche Antwort der Wissenschaft die Kinder gehört haben! 

Wenn man dem ausführlichen Zeitungsbericht (Schwäbisches Tagblatt vom 13. Juni 2002, S. 25) Glauben schenken darf, ging es zunächst einmal darum, den Kindern deutlich zu machen, dass Armut und Reichtum doch sehr relative Begriffe seien, die sich von der sozialen Umwelt her bestimmten, in der man lebt. Im Mittelpunkt des Interesses stand deshalb die Frage, wie sich Armut und Reichtum messen lassen. Ein Indikator für Armut sei etwa, wie viele Menschen Hungers sterben, oder dass die Weltbank berechnet habe, dass man zum Überleben etwa 365 US-Dollar im Jahr brauche. In unserer sozialen Umgebung lasse sich Armut und Reichtum etwa an der Höhe des Taschengeldes messen. Arm sei auch, wer auf Sozialhilfe angewiesen ist. Immerhin lebe in Deutschland jeder Zehnte unterhalb der Armutsgrenze. Demgegenüber habe jeder Tausendste Bundesbürger ein Bruttoein-Einkommen von über 500.000 Euro und zähle zu den Reichen. 

Nachdem die meiste Zeit dafür verbraucht war, Armut und Reichtum zu messen und auf verschiedenste Weise auszudrücken, dass es Arme und Reiche gibt, durfte man gespannt sein, wann endlich und wie die Frage nach dem Warum von arm und reich beantwortet wird, die hier - auf das Verständnisniveau von Kindern gebracht - wissenschaftlich geklärt werden sollte. Statt dessen aber wurden Antworten gegeben, wie man arm oder reich werden kann: etwa durch Sparen, Erben, Erfindungen oder auch Glück im Lotto und dass der Staat über die Steuergesetzgebung versuche, allzu große Ungerechtigkeiten durch höhere Steuern auszugleichen.

Auf die Frage, warum es Arme und Reiche gibt, wurde keine Antwort gegeben. Es wurden Messmethoden vorgestellt und es wurden, durchaus mit didaktischem Geschick, Mess-Ergebnisse den Kindern vermittelt. Aber die Frage, die die Kinder bewegte und die jeden wachen und für Probleme noch empfindsamen Menschen umtreibt, wurde vom Dozenten nicht einmal als wissenschaftliche Frage wahrgenommen. Im Gegenteil: Um jeder möglichen ethischen und politischen Implikation der Fragestellung sofort allen Wind aus den Segeln zu nehmen, belehrte der Wissenschaftler die Kinder: Wer wolle, dass alle gleich viel verdienten, der fordere "leider einen ziemlichen Unfug". Er glaube nämlich, dass dann keiner mehr etwas schaffe, "weil es sich nicht lohnt".

Das Beispiel aus der Kinderuniversität illustriert zum Glück nicht generell, aber doch symptomatisch, wozu eine Wissenschaft führt, die nur noch am Messen und an dem, "was sich lohnt", interessiert ist und gleichzeitig Menschenbilder und Vorurteile wie die über die angeborene Faulheit des Menschen unreflektiert weitertransportiert. Dem immer mehr um sich greifenden Ökonomismus im Wissenschaftsbereich gilt es ein kritisches Wissenschaftsverständnis entgegenzusetzen, das sich auch der Frage nach dem Warum und nach den ethischen Implikationen stellt, die sich aus der Antwort auf die Frage nach dem Warum ergibt. 

 

Dr. Rainer Funk ist Psychoanalytiker und Vorsitzender der Internationalen Erich Fromm Gesellschaft, Tübingen/Bonn.

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