Wer von Geisteswissenschaften spricht, verbindet damit nicht selten die Vorstellung von eher praxisfernen Unternehmungen: Sie greifen vielerlei Fragen auf, zuweilen sehr esoterische und bizarre, betreiben sie um ihrer selbst willen, haben aber für das praktische Leben, zumal das politische Leben, kaum Bedeutung; insbesondere tragen sie zur Steigerung des Sozialprodukts und zum technisch-wissenschaftlichen Fortschritt nichts bei.
Nichts ist falscher als diese Vorstellung. Was betreiben und vermitteln denn die Geisteswissenschaften? Sie bewahren, erweitern und vermitteln je von neuem das Wissen über die eigene Sprache, Geschichte, Literatur und Kunst; über die Bedingungen und Möglichkeiten des Zusammenlebens und Zusammenwirkens von Menschen in einer Gesellschaft (Recht, Ökonomie, Soziologie); über die Selbstvergewisserung und die Beantwortung der Sinn- und Identitätsfrage der Menschen (Philosophie, Theologie, Psychologie). Sie sind damit Grundlage für das Verständnis der Welt, in der man lebt; für die Erkenntnis von Problemen und Herausforderungen im Zusammenleben der Menschen und deren fortschreitende Gestaltung, Veränderung oder Bewahrung; für das Verstehen von anderen Menschen und Völkern wie auch seiner selbst; für die Vermittlung von Wissen, Reflexion und daraus hervorgehender Urteilskraft in die nachfolgende heranwachsende Generation und in die Kommunikationsprozesse der Gesellschaft.
Begreift man dies, ist auch die Bedeutung der Geisteswissenschaften für das politische Leben und in ihm keine Frage mehr. Diese Bedeutung ist vielfach und nachhaltig, freilich in der Regel nicht eine unmittelbare, sondern eine mittelbare, weshalb sie einer oberflächlichen Betrachtung eher verborgen bleibt. Einige Beispiele sind geeignet, diese Bedeutung - pars pro toto - zu verdeutlichen.
Die hier dargelegte Bedeutung der Geisteswissenschaften für das politische Leben und in ihm ist nicht nur erwünscht; dass sie zur Geltung kommt, ist auch um des politischen Lebens selbst willen notwendig. Soll sie aber zur Geltung kommen und entsprechend wirksam werden, hängt das davon ab, dass die Geisteswissenschaften aus sich heraus, nach den ihnen eigenen Fragestellungen und um ihrer selbst willen betrieben werden. Die Wirkungen, auf die hingewiesen wurde, ergeben sich als Folge, gewissermaßen als Nebenwirkung aus dem erworbenen Wissensfundus, aus erlernter und eingeübter Reflexion und dadurch vermittelter Urteilskraft. Das muss auch so sein. Strebt man diese Wirkung nämlich unmittelbar an, führt das schnell zu einer Instrumentalisierung, zum ideologisch-politischen Einsatz. Damit werden die Wirkungen um ihren eigentlichen Effekt gebracht, der gerade über den Weg der Befähigung zu wissensfundierten unabhängig-eigenständigem Denken und dadurch motiviertem Handeln läuft.
Sucht man die Geisteswissenschaften und ihre Förderung an quantifizierbaren Effizienzkriterien, etwa der Einwerbung von Drittmitteln, der Zahl der Publikationen oder durchgeführten Promotionen auszurichten, gefährdet man ihr eigenes Proprium und legt damit den Grund zu einer pragmatischen Umorientierung, wenn nicht gar Verfälschung geisteswissenschaftlicher Arbeit. Wie soll unter solchen Bedingungen beispielsweise die oft mühselige, jahrelange Arbeit erfordernde Edition aufgefundener Quellenwerke, die Übersetzung klassischer Autoren aus anderen Kulturkreisen oder - ein eindrucksvolles Beispiel - die jahrelange Arbeit H.G. Gadamers an "Wahrheit und Methode", von der dann eine Weltwirkung ausging, sich behaupten oder wenigstens eine Chance haben? Die unbedachte Übertragung von Reformkriterien, die für die (angewandte) Natur- und Technikwissenschaft angemessen sein mögen, kann schnell ein Beitrag dazu werden, die Geisteswissenschaften und ihre Arbeit zu desorientieren und zu zerstören.
Prof. Dr. Dr. Ernst Wolfgang Böckenförde ist Emeritus der Juristischen Fakultät, Freiburg und Bundesverfassungsrichter a.D.